VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026

Die Unterlagen des VSE zum Stromversorgungsindex 2026 lassen eine klare Vision für die Energiepolitik vermissen, wie die Schweiz ihre langfristige Versorgungssicherheit garantieren will. Statt neuer Lösungsansätze liefert der Verband primär eine Fortführung bestehender Konzepte, die bereits heute an ihre Grenzen stossen.

Bildquelle: trilemma.worldenergy.org

Der – vom VSE weitgehend unterlassene – Realitätscheck zur aktuellen Energiepolitik fällt denn auch eindeutig und ernüchternd aus. Eine gute Energiepolitik muss Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Versorgungssicherheit im Gleichgewicht halten (Energietrilemma).

  1. Trotz immer öfter auftretender, schädlicher negativer Marktpreise (Entsorgungsgebühr für Strom-Überproduktion) steigen die Endkundenpreise stetig an. Während die allgemeine Teuerung in der Schweiz in den letzten 15 Jahren lediglich um moderate 8 % gestiegen ist, haben sich die Strompreise im selben Zeitraum mit einem Zuwachs von rund 42 % mehr als fünfmal so stark verteuert. Kostentreiber waren mitunter der Netzausbau, Winterreserven, Importabhängigkeit und die Systemstabilität.
  2. Die Versorgungssicherheit war zeitweise so prekär, dass der ElCom – Präsident bereits zu Vorräten von Brennholz und Kerzen geraten hat, als die Importmöglichkeiten wegen des Ukrainekrieges reduziert wurden. Der VSE schreibt: «Damit ist die Versorgungssicherheit 2050 aus heutiger Sicht nicht gewährleistet.»
  3. Zudem verschlechtert sich die Ökobilanz durch CO₂-intensive Winterimporte massiv. Würde man die ganze Ökobilanz der Stromversorgung berücksichtigen (also inklusive Herstellung von Kraftwerksbestandteilen im Ausland und samt Bergbau und Kinderarbeit), so würde sich die Umweltbilanz der Schweizer Stromversorgung noch massiver verschlechtern.

Die Strategie des VSE übergeht diese strategischen Mängel und skandiert Durchhalteparolen und ein riskantes Vertrauen auf Importabkommen, statt die physikalische Realität der Winterlücke und die (längerfristige) Option neuer Kernkraftwerke mutig zu anzusprechen. – Alle Dimensionen des Energietrilemmas verschlechtern sich laufend. Nich nur die vom VSE analysierte Dimension der Versorgungssicherheit.

Das Winterloch: Konsequente Umsetzung in die Sackgasse

Die Forderung nach einer «konsequenten Umsetzung» der bisherigen Ziele ist die konkrete Verweigerung der Grundsatzdebatte. Seit langem geht die Schere zwischen Produktion und Verbrauch immer weiter auf: Während der Heizungs- und Mobilitätssektor den Winterbedarf massiv erhöhen, liefert der bisherige Ausbaupfad in den kritischen Monaten verschwindend wenig Energie. Wer den Weg der Energiestrategie 2050 unbeirrt weitergeht, vergrössert die saisonale Lücke, anstatt sie zu schliessen. Je beschleunigter dieser Ausbau stattfindet, umso schneller wird die Winterstromlücke grösser.

Fokus ohne konkrete Angaben

Zwar bekennt sich der VSE zur Priorisierung der Winterstromproduktion, bleibt jedoch die Antwort schuldig, wie dies technologisch gelingen soll. Von einem Branchenverband müsste man konkrete Angaben zu Zubauraten für Technologien erwarten, die tatsächlich grundlastfähig oder zumindest im Winter leistungsfähig sind. Die vom VSE mit einem zusätzlichen TWh / Jahr angegebenen Wasserkraftprojekte sind zwar begrüssenswert aber um Grössenordnungen zu klein. Übrigens: Wenn jeweils von «Preissignalen» und «Anreizen» die Rede ist, so muss allen klar sein, dass meist zusätzliche Subventionen gemeint sind.

Netzausbau als Symptombekämpfung

Der massive Bedarf an Netzausbau auf allen Ebenen ist eine direkte Folge der politisch gewollten, hochgradig dezentralen Produktion. Würde man vermehrt auf bestehende Kraftwerksstandorte und deren Infrastruktur setzen, liesse sich der Umbaubedarf der Netze signifikant dämpfen. Auch die extrem hohen Spitzenleistungen, welche Solaranlagen bei entsprechenden Wetterverhältnissen und vor allem im Sommer produzieren, führen zu massiven Netzausbauten. Diese könnten vermieden werden, wenn man vermehrt auf stabilere Energiequellen setzen würde (Solar (CH): Kapazitätsfaktor ca. 11%, Kernenergie rund 90 %).

Die Import-Illusion

Der VSE setzt weiterhin auf ein Stromabkommen mit der EU, primär um Winterstrom zu importieren. Dieses Ansinnen ist riskant: Es ist höchst fraglich, ob unsere Nachbarländer in Mangellagen – wenn sie selbst um jede Kilowattstunde kämpfen – willens und in der Lage sind, die Schweiz zu stützen. Eine nationale Versorgungsstrategie darf nicht auf der Hoffnung basieren, dass andere für unsere Versäumnisse einstehen. Im Ausland Ist der Strombedarf im Winter ebenfalls am höchsten und die Produktion steigt vor allem in den Sommermonaten.

Speicher: Kurzfristige Flexibilität und Saisonspeicher

In der Debatte um Flexibilitäten wird oft nicht zwischen Kurzzeitspeichern und saisonalen Speichern unterschieden. Der Ausbau kurzfristiger Flexibilität ist lediglich eine notwendige Reaktion auf die Volatilität von Wind und Sonne. Für die tatsächliche Herausforderung – die saisonale Verschiebung von riesigen Energiemengen – fehlen nach wie vor tragfähige Grosskonzepte. Fehlbeträge werden schlicht als «Importbedarf» verbucht. Batterien sind keine saisonalen Speicher.

Das «ohrbetäubende Schweigen» zur Kernenergie

Es ist widersprüchlich, den Langzeitbetrieb der Kernkraftwerke zu fordern, aber gleichzeitig die Option neuer, moderner Anlagen (z. B. Gen III+ oder SMR) komplett auszuklammern. Dass der VSE noch immer Kernenergie verschweigt, ist enttäuschend. Ursprünglich war das Argument des VSE für sein Schweigen die fehlende gesetzliche Grundlage. Gerade diese soll nun aber geändert werden.

Besonders störend ist die inkonsistente Kommunikation: Während Präsident Martin Schwab betonte, es sei nicht Aufgabe des Verbandes, Produktionstechnologien vorzugeben, fordert der VSE im gleichen Atemzug vom Bund mehr Effort, um die Akzeptanz für Windkraft und den Netzausbau zu erhöhen.

Fazit

Der VSE scheint sich vor einer klaren Positionierung zur Kernenergie und zur tatsächlichen physikalischen Realität der Winterversorgung zu scheuen. Für eine sichere Schweizer Stromzukunft braucht es Alternativen zum eisernen Schweigen zu neuen Kernanlagen und dem beschleunigtem «Weiter wie bisher».

«Wenn sich die Tatsachen ändern, ändere ich meine Meinung.
Was tun Sie, mein Herr?»
Dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes zugeschrieben.


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