Stefan Klute erinnerte sich an der Generalversammlung des ECS vom 25. April 2026, wie das damals war, als am 20. Dezember 2019 ein Operateur das Kernkraftwerk Mühleberg im Kanton Bern zum letzten Mal herunter gefahren hat. Da gab es Tränen. Tränen beider Art. Freudentränen und Tränen der Trauer.
Kurz danach, am 6. Januar 2020 begann der Rückbau des Kernkraftwerks, eine Arbeit, für die 11 Jahre geplant sind.
Der Rückbau eines Kernkraftwerks erfolgt von innen nach aussen. Zunächst galt es, die Brennelemente aus dem Reaktorgefäss in ein Lagerbecken zu transferieren, wo sie während drei Jahren einen grossen Teil ihrer Radioaktivität verlieren. Man sagt, die Radioaktivität klingt ab. Darum heisst es Abklingbecken.
Während dieser Zeit musste Platz gemacht werden für die späteren Dekontaminationsarbeiten. Dazu hat man die Maschinenhalle leergeräumt. Transformatoren, Turbinen und der Generator mussten weg. Das Problem: Diese Objekte wiegen hunderte von Tonnen. Für den Abtransport des Generators musste man eine extra starke Hebevorrichtung bauen.
Inzwischen, 2022, waren die ausgedienten Brennelemente genügend abgeklungen, dass man sie in das Zwischenlager in Würenlingen transportieren konnte, eine logistische Herausforderung. Zunächst mussten die Brennelemente in dickwandige Stahlbehälter umgeladen werden. Sieben dieser Brennelemente passten in einen Behälter. Es gab aber 418 dieser Elemente zu verpacken. Es waren schliesslich 66 Fahrten nach Würenlingen nötig, um diesen, wie man sagt «hochradioaktiven Abfall» im Zwilag einzulagern. Am 1. September 2023 verliess die letzte Ladung Mühleberg und das Gelände galt nun als «brennstofffrei».
Hohe Sicherheitsanforderungen beim nuklearen Rückbau
Während ein Kernkraftwerk in Betrieb ist, produziert es grosse Mengen Neutronen. Viele chemische Elemente werden durch Neutronenbeschuss radioaktiv. So kann aus Eisen Cobalt-60 entstehen, ein Beta-Strahler mit einer Halbwertszeit von rund 5 Jahren. Dieses Phänomen hat zur Folge, dass alle Bauteile in der Nähe des Reaktor-Druckgefässes und natürlich dieses selbst, schwach radioaktiv sind und entsprechend behandelt werden müssen. Beton, Druckrohre, Stahlträger werden zerlegt und mit Hochdruck oder mit Sandstrahlern gereinigt, solange, bis das Teil «freigemessen» werden kann, das heisst, seine Radioaktivität liegt unter einem festgelegten Grenzwert.
Diese Arbeit beschrieb Klute als «Jagd nach dem Bequerel». Das ist die Masseinheit für die Stärke der Strahlung. Dabei bedeutet 1 Bq ein Zerfall – also ein Strahl – pro Sekunde. Dazu muss man wissen, dass ein menschlicher Körper 8’000 bis 10’000 Bequerel enthält, hauptsächlich aus dem natürlichen Kalium-40. Das gibt uns eine Ahnung, wie streng die Grenzwerte sind.
Dann kann das Material rezykliert werden und die weggeputzte Oberfläche wandert als schwach- und mittelaktiver Abfall ins Zwilag. Klute ist guten Mutes, dass die Arbeiten tatsächlich bis 2031 abgeschlossen werden können. Und dann? Was geschieht mit der wiederhergestellten grünen Wiese? Auf jeden Fall wird wieder etwas «elektrisches» gebaut, wegen dem, was Klute «die Perle» nennt: Der vorhandene Anschluss ans Hochspannungsnetz. Man denkt an eine Grossbatterie – oder vielleicht wieder ein Kernkraftwerk? Das Bernervolk hatte dem Projekt «Ersatz Kernkraftwerk Mühleberg» schliesslich am 11. Februar 2011 bereits zugestimmt.