Wie versorgt sich die Schweiz künftig mit Strom? Kürzlich publizierte die axpo in einer umfangreichen Studie ihre beiden «Strom-Szenarien». Die axpo kommt dabei zum Schluss: Kernkraftwerke sind in der Schweiz realisierbar. Ein Kommentar.
In grauer Vorzeit, im vergangenen Jahrhundert, setzten sich die Leiter der zehn grössten Elektrizitätswerke der Schweiz zusammen und versuchten herauszufinden, wie sich wohl die Stromnachfrage in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werde. Ausserdem überlegten Sie, wie man diese Nachfrage am besten decken könnte, ohne vom Ausland abhängig zu werden. Höchstens einmal in 20 Jahren sollte es nötig sein, Strom zu importieren.
Das Resultat nannte man «Zehn Werke-Bericht». Der letzte derartige Bericht erschien 1995 und hiess «Vorschau 95» Er umfasste die Zeit bis 2030. Irene Aegerter, unser Mitglied im Expertenbeirat, war damals federführend dabei. Sie sagt seither, sie möchte 2030 noch erleben, denn sie wolle wissen, ob der Bericht die Zukunft richtig vorausgesehen habe.
Das hat er natürlich nicht. Er konnte nicht, denn man hat damals nicht damit gerechnet, dass sich die Politik immer mehr einmischen würde. Zuerst verlangte man das «unbundling» – die Trennung von Produktion und Transport. Die Werke wurden gezwungen, ihre Hochspannungsleitungen der bundeseigenen Swissgrid zu verkaufen. Dann erlaubte man den Grossverbrauchern, ihren Strom von beliebigen Produzenten zu beziehen: Das war die Teilmarktöffnung, übrigens eine physikalische Unmöglichkeit. So wurden aus Partnern, die gemeinsam planten, Rivalen. Schliesslich kamen die Energiewende sowie «Netto Null» und damit Planung nach dem Prinzip Pippi Langstrumpf: «Ich mach mir meine Welt – so wie sie mir gefällt».
Schliesslich hat sich jetzt jemand an die alten Zeiten erinnert, die Zeiten der NOK; damals wurde auf Grund von Fakten geplant und nicht auf Grund von Wunschträumen: Die Nachfolgerin der NOK, die axpo, für die übrigens der Gründungsvertrag der NOK von 1914 nach wie vor gilt.
Ihre Fachleute und weitere Spezialisten untersuchten in den letzten Monaten die Potentiale und Nachteile von vier Stromquellen der Schweiz: Photovoltaik, Windkraft, Gas und Kernenergie. Damit die Resultate verglichen werden konnten, untersuchte man bei allen die gleichen sieben Aspekte:
- Technologie
- Akzeptanz
- Recht und Regulierung
- Wirtschaftlichkeit
- Wertschöpfung und Beschäftigung
- Umweltauswirkungen
- Politik
Aus den gewonnenen Erkenntnissen konstruierten die Planer der axpo zwei gangbare Szenarien. Wir zitieren aus der Zusammenfassung:
Szenario 1 besteht aus einer ausgewogenen Mischung aus Wasserkraft, mehr Photovoltaik, deutlich mehr Windkraft sowie einigen marktaktiven Gaskraftwerken als flexible Ergänzung. Letztere bedienen die aufgrund des Ausbaus der Erneuerbaren stetig wachsende Nachfrage nach flexibler Produktion und sichern die Winterversorgung auch bei kritischen Wetterlagen.
In Szenario 2 entscheidet sich die Schweiz für den Neubau von zwei Kernkraftwerken. Sie koexistieren mit den anderen Technologien, denn auch dieses Szenario umfasst Wasserkraft, mehr Photovoltaik, mehr Windkraft sowie Gaskraftwerke. Neue Kernkraftwerke reduzieren jedoch den Zubau bei allen anderen Technologien deutlich.
Die axpo-Führung hat also erfreulicherweise den Mut, Kernenergie vorurteilslos zu bewerten. Sie legt dabei schonungslos offen, welche Hindernisse regulatorischer Art die Politik noch aus dem Weg räumen muss. Die Streichung des Neubauverbots im Kernenergiegesetz ist nur ein erster wichtiger Schritt. Immerhin kommt sie zur Einsicht:
«Der Neubau eines Kernkraftwerks bis 2050 ist grundsätzlich möglich, setzt jedoch frühzeitige politische Entscheidungen voraus – insbesondere hinsichtlich angepasster Bewilligungsverfahren und geeigneter Förderinstrumente.»
Weiter hält die Axpo fest, «dass der Bau eines modernen Kernkraftwerks der Generation III+ in der Schweiz technisch realisierbar ist. Ein solcher Neubau würde zudem eine hohe inländische Wertschöpfung generieren und langfristig qualifizierte Arbeitsplätze schaffen.»
Bei allen Szenarien geht die axpo davon aus, dass die Reaktoren in Gösgen und Leibstadt über die heute angenommene Grenze von 60 Jahren hinaus betrieben werden können, dass also der Langzeitbetrieb gelingt und finanziert werden kann. Das ist verständlich. Dass auch beim Kernenergie-Szenario Gaskraftwerke und viele Windturbinen vorgesehen sind, ist hingegen schwer nachvollziehbar.
Diese axpo-Publikation ist sehr wertvoll und zu begrüssen. Gerade auch im Hinblick auf die kommende Debatte im Nationalrat in der Sommersession 2026. Viele Behauptungen, die schon im Ständerat vorgebracht worden sind, werden durch die Studie entkräftet.